Wendelstein Werkstätten
Arbeitsgemeinschaft mit opposite office, München und hanfstingl architekten, Neuötting
Umfang Neubau einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung
Ort Rosenheim
Leistung Architektur, Innenarchitektur, alle Leistungsphasen
Status gebaut
Fertigstellung 05/2025
Bauherr Caritas Verband der Erzdiözese München-Freising e.V.
Auszeichnungen Anerkennung Verzinkerpreis 2025 & ArchDaily Nominee "Building of the Year 2026"
Fotos Edward Beierle, München

Die neue, rund 10.000 m² große Werkstatt für Menschen mit Behinderung, versteht sich nicht nur als funktionales Produktionsgebäude, sondern als räumliches Gefüge, in dem Arbeit, Orientierung und soziale Interaktion eng miteinander verbunden sind.
Mit 120 Arbeitsplätzen und einer integrierten Förderstätte erfüllt der Bau hohe technische Anforderungen und stellt zugleich die Qualität des Innenraums in den Mittelpunkt des Entwurfs.
Grundlage der Architektur ist eine positiv-negative Entwurfsstrategie: Aus einem kompakten Baukörper werden drei Innenhöfe herausgeschnitten. In ihrer geometrischen Ausformung als Dreieck, Quadrat und Rechteck bringen sie Licht, Luft und räumliche Tiefe in den Bau. Entscheidend ist jedoch der dadurch entstehende Zwischenraum, ein zusammenhängender Innenbereich, der weder reine Erschließung noch Werkstatt ist, sondern als zusätzlicher gemeinsamer Raum erlebt wird.
Dieser Zwischenraum entfaltet sich als ruhige, lichtdurchflutete Innenlandschaft. Er verbindet alle Werkstattbereiche miteinander und führt Tageslicht tief in den bis zu 50 Meter breiten Grundriss. Die unterschiedlichen Geometrien der Höfe erzeugen eine subtile räumliche Abfolge aus Weitung und Verdichtung, Nähe und Distanz. Die Höfe dienen als Orientierungspunkte und Orte informeller Begegnung und bilden zugleich einen geschützten, introvertierten Außenraum innerhalb des lärmintensiven Gewerbegebiets zwischen Bundesstraße und Bahnlinie.
Ein zentrales Entwurfsprinzip ist die barrierefreie Nutzbarkeit des gesamten Gebäudes, ohne sichtbare Sonderlösungen. Erschließung, Raumfolgen und Arbeitsbereiche sind für alle Nutzerinnen und Nutzer gleichwertig zugänglich, nicht durch additive Maßnahmen, sondern durch Klarheit, Großzügigkeit und eine intuitive räumliche Organisation. Für die Planung bedeutet echte Barrierefreiheit, dass sie nicht als solche in Erscheinung tritt: Niveaugleichheiten, Raumbreiten und Übergänge sind selbstverständlich integriert und ermöglichen selbstständige Bewegung und Nutzung.
Große Öffnungen und vielschichtige Blickbeziehungen prägen den Innenraum. Runde Fenster und bullaugenartige Öffnungen in Türen erlauben Einblicke in die verschiedenen Werkstattbereiche und machen Arbeitsprozesse sichtbar, wodurch ein Gefühl gemeinsamer Tätigkeit entsteht.
Robuste Materialien wie Beton, Stahl, Holz und transluzente Doppelstegplatten verleihen dem Gebäude einen funktionalen Werkstattcharakter und unterstützen zugleich Lichtführung und räumliche Klarheit. Vier skulpturale außenliegende Treppenhäuser und ein kompakter Erschließungsring ermöglichten die Realisierung zusätzlicher Gemeinschaftsflächen, darunter eine Dachterrasse sowie gemeinsame Innenbereiche zwischen den Höfen, ohne Mehrkosten. Diese Räume fungieren als soziale Innenräume, als Orte der Pause, des Austauschs und der Begegnung.
Die Energieversorgung erfolgt über Nahwärme aus der benachbarten Schreinerei sowie Photovoltaik. Von der Dachterrasse aus öffnen sich Blicke in die begrünten Innenhöfe mit wachsenden Bäumen, während blaue Möbel ruhige Zonen für Aufenthalt und Begegnung definieren. Die Werkstatt wird so zu mehr als einem Arbeitsort: Sie ist eine Architektur der Teilhabe, in der räumliche Großzügigkeit, Klarheit und unsichtbare Barrierefreiheit Selbstbestimmung, Würde und soziale Interaktion im Alltag unterstützen.
